Kai Gaedtke - Vom Jitsu zum Do

Im Alter von 8 Jahren begann ich, Jiu-Jitsu zu trainieren. Nach der üblichen pubertären Pause nahm ich mit 18 Jahren im Wohn- und Kulturprojekt UFA-Fabrik das Training wieder auf. Die Motive dafür waren einerseits die Möglichkeit der Selbstverteidigung, andererseits das Wissen wollen um die „asiatischen Kräfte“, welches Herrigel und andere bei mir geweckt hatten.
Der Einfluss dieses interkulturellen Schmelztiegels ließ mich mit dem Chi Kung bei Rich Colfer beginnen, welches wir in den Morgenstunden übten. Dort hatte ich auch die Gelegenheit, an mehreren Workshops mit Josephine Zöllner teil zu nehmen.

Um die Qualität meiner Jiu-Jitsu Techniken zu verbessern, begann ich auch bald mit dem Training vom Karate. Während ich in den ersten Jahren noch an jeweils drei Abenden Jiu Jitsu und Karate trainierte, wurde mir bald bewusst, dass das Karate der Schwerpunkt meines Lebens werden sollte, an dem ich mich immer wieder selbst messen wollte. Auch wenn „Ausflüge“ zu anderen Künsten oder Kampfkünsten immer sehr bereichernd sind, kam ich zu dem Schluss, dass es Sinn macht, bei genau einer Sache zu bleiben um dort ein tiefes Verständnis zu erlangen.
Später, als Kommunemitglied der UFA-Fabrik, hatte ich dann die Gelegenheit Tai-Chi-Chuan bei Shi-Jong Chen und später bei Rich Colfer zu trainieren. Hier lernte ich im Stil von Chen-Man Ching eine sehr pragmatische und genaue Arbeit der Hüfte, die sich in zahlreichen Karate-Techniken wiederfinden lässt.

Das Shito-Ryu Karate in der UFA-Fabrik war geprägt durch Carlos Molina, der auch noch heute mein Lehrer ist. Seine Präsenz und Unmittelbarkeit waren damals wie heute beeindruckend. Teilweise bin ich heute noch dabei zu entschlüsseln, was ich bei ihm alles lernen durfte.

Zu dieser Zeit kam Mabuni-Soke noch regelmäßig im Sommer nach Korsika, um uns zu unterrichten. Zu sehen wie ein 90-jähriger sehr freundlicher und zurückhaltender Mann seine Techniken komplett unprätentiös macht, gehört zu den ganz prägenden Erfahrungen meines Karates. Des weiteren war Anselm Stahl ein großer Einfluss, der mir verschiedene Verbindungen zwischen der Kampfkunst und der Körperarbeit aufzeigte.

Bei Hatano Sensei sah ich einerseits die blitzschnellen Bewegungen und Jahre später die fließenden Anwendungen aus dem Weißen-Kranich-Stil, die ich mich immer noch zu lernen bemühe. Nachdem Mabuni-Soke nicht mehr nach Europa reisen konnte, besuchten wir ihn 2014 im Honbu Dojo in Japan, um bei ihm trainieren zu können.
Diese verschiedenen Lehrer und Einflüsse prägen heute mein Karate, dessen Lebendigkeit und Vielfältigkeit ich vermitteln möchte.

Als ich nach 22 Jahren meinen Lehrer Carlos fragte, ob ich eine eigene Schule aufmachen dürfe, erwiderte er, dass ich das schon vor längerer Zeit hätte machen sollen. Mittlerweile unterrichte ich seit über 10 Jahren und konnte mit Freude den ersten Schwarzgurt meiner Schule zur Prüfung führen.

Kai Gaedtke - Mabuni Soke - Terada Sensei, Osaka - Japan 2014